Der kleine Ausflug

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«Hallo Huston, wir haben kein Problem.»

«Giovanni meint, es sei so schön wie in Ascona», spricht Sepp ins Mikrofon. «Gion ist begeistert von der Mondlandschaft und Jacques sucht sich schon den Hang für einen Rebberg aus.»

Schwerelos gleiten sie durchs All.

«Holadaittijo», jodelt Sepp «hier ist es so friedlich wie im Emmital.»

Im zeitlosen Raum schlägt er einen Purzelbaum und jubelt, «Huston, wir bleiben etwas länger als vorgesehen.»

Die Schweiz. Über-All

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«Space-Shuttle "Helvetia" ruft Bern.»

«Hallo Bundeshaus, bitte kommen.»

«Hier Bern, ich höre.»

«Moritz? Bist du es?»

«Ja, Sepp. Wie sieht es aus?»

«Schlecht. Wir werden von den Homäriden verfolgt. Gion hat ihre Funksprüche entschlüsselt. Sie wollen uns von der Route abbringen.»


WeltraumAngriff_3.jpg«Eidgenossen, bleibt cool, macht uns keine Schande. Samuel will euch Panzerfallen und ein Cavallerie-Regiment hinauf schicken. Er meint, das würde sie ablenken.»

«Christoph will sie als Kurzaufenthalter deklarieren. Er meint, so könnte er sie sofort dorthin zurück schicken, wo sie herkommen. Das koste uns nichts. Was denkt ihr?»

«Jacques und Giovanni haben eine Idee. Schickt uns Käse ins All. Emmentaler. Alles was ihr am Lager habt.»

Stille im All.

«Moritz?»

«Ja Sepp?»

«Sie sind in unsere Falle getappt. Hier ist ihr aufgefangener Funkspruch?»

«Nubo! Nubo, sofort wenden und zurück zur Basisstation. Akabino hat schwarze Löcher ausgemacht. Etwas stimmt hier nicht. Diese Löcher sind gelb und riechen ungewöhnlich. Das ist eine Falle.»

«Sofort wenden, sofort wen . . . » C R A S H . . . . . .

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1001 Nacht

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Ich bin Sepp aus der Schweiz.

«Ich habe auf deine Ankunft gewartet», sagt Fata, «du bist mir mit allem zuvorgekommen.» Sepp lächelt und nimmt sie bei der Hand. «Fata!» Dann zieht er vorsichtig etwas aus dem Reisebeutel: «Hier sind deine langersehnten Perlen.» Fata hält die Perlenkette fest in der Hand und lächelt Sepp dankbar an. «Das ist nichts Spezielles», sagt der Sepp etwas verlegen. «Ich hab sie von der Migros, für nur Fr. 29.90.»

Die Sonne scheint flach auf die beiden, ihre Schatten dehnen sich in Richtung der grossen Düne aus.

Sepp schaut verträumt hin und meint: «Wie dumm, ich habe meine Kamera vergessen. Das gäbe ein schönes Kalenderbild.»

Fata legt die Kette um ihren edlen Hals. Dann berührt sie sanft Sepps Schultern und haucht: «Nur du kannst so romantisch sein.»

Sepp geht durch einen biochemischen Prozess, der seine Sinne durcheinander bringt. Das zeigt sich fatalerweise als Schüchternheit: «Dieses Kreuz muss ich halt tragen.» Er schluckt und verschluckt sich beinahe. Der biochemische Prozess ist nicht zu stoppen. Dieser fährt wie ein Schnellzug durch seinen Körper. Im Gesicht angekommen hält er an, weil da alles rot ist.

«Willst du mein Prinz sein?» hört er Fata sagen.

Die Chemie wirkt. In den Achselhöhlen. «Oh, mein Deo!» Diese ihm unbekannten chemischen Substanzen treffen sich überall, fast wie ein Blind Date und richten ein Chaos an. In diesem Durcheinander kommt ihm der lebensrettende Gedanke. Zu spät!

Er hört Fata noch sagen: «Wir werden Kinder haben, zwei prächtige Söhne, richtige Männer wie du es bist.»

«Piip, Piip, Piip»

Der Wecker rettet ihn.

Taxi nach Marrakesch

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Sepp löscht das Licht, und schon geht's los.

Er träumt, Muhammad, der Stammesfürst der Tuaregs, habe ihm einen Tagelmust geschenkt - den blauen Baumwollschleier, der sein Gesicht vor Wind und Wetter schützen wird. Und einen Dolch mit Silbergriff, verziert mit rotem Achat und Ebenholz.

Muhammad nimmt Sepp ein letztes Mal zur Seite und flüstert ihm etwas zu. Sepp weiss jetzt, er wird den Dolch brauchen können. Die Zeiten sind rauh und das Wetter unbarmherzig. Er muss seinen Plan einhalten und am nächsten Abend in Marrakesch ankommen. Mit der neuen Swatch wird er sicher pünktlich sein. Die beiden umarmen sich, Sepp nimmt sein Bündel verlässt das Zelt.

Da steht Ali, Muhammads Sohn. Neben ihm erheben sich vier lange Beine.

«Oh!» sagt Sepp überrascht und folgt den geschwungenen Linien nach oben. Was Männer ja meistens tun in solchen Situationen. Aber was da auftaucht, erinnert ihn an den Kamelhaarpullover vom letzten Winter. Viel Wolle, blond und gekraust.

Seine Augen folgen dem etwas plumpen Körper. Ein kleiner Höcker taucht auf, ein gebogener Hals und ein Kopf mit einem grinsenden Maul. Ein Sujet, das ihm bekannt vorkommt: «Camel Filter», seine einstige Zigarettenmarke.

«Ist das meine Limousine nach Marrakesch?», denkt er. «Auf diesem Höcker? Da müsste doch eher eine Vertiefung rein.»

«Mein lieber Sohn», sagt eine warme, angenehme Stimme aus dem Nichts, dann langam und etwas zischend: «Pfusch mir nicht ins Handwerk, verstanden?» Sepp schluckt, dann nochmals, er blickt zum Himmel, dann zum Tier. «Was bin ich für ein Kamel! Dieser Gedanke mit der Delle war ja gegen den Tierschutz.»

Er wendet sich Ali zu und sagt «Welch schönes Tier du hast, lass mich aufsitzen bitte.» Muhammad steht beim Zelt und winkt ihm zu. «Pass auf, die Sonne brennt ungnädig, trink genügend Wasser und mach Pausen.»

Sepp ist schon eine Weile unterwegs, als er sich zu letzten Mal umblickt. Er sieht die Umrisse des schwarzen Zeltes, das sich in der flimmernden Glut aufzulösen scheint.

Die Stunden vergehen, Sepp fühlt sich schwach. Seine Augen nehmen einen verträumten Blick an und er fragt die Frau, die jetzt neben dem Kamel steht: «Meine Schönheit, wie heisst du?»

«Fata, Fata Morgana.»

Zweiter teil folgt

Fahrt zur Hölle

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Trafalgar Square. Es ist lange nach Mitternacht.

Der Regen peitscht Sepp ins Gesicht und zwingt ihn, die Augen zuzukneifen. Er sucht Schutz unter einem Baldachin. Da sieht er ihn, gross, schlank und drahtig. Ganz in Schwarz, das Gesicht hinter einem schwarzen Seidenhalstuch verdeckt.

Sepp schaudert es. Trotzdem spricht er ihn an.

«Wo ist der nächste Taxistand?» fragt er den Fremden. «Go to hell», kommt es kratzend hinter dem Halstuch hervor. «Wie bitte?» fragt Sepp. «Go to hell», krächzt der Fremde und zeigt in Richtung Osten.

Sepp denkt nur eines: «Weg hier» Nach langem Suchen erreicht er endlich sein Hotel. Bald steht er unter der Dusche und wäscht sich den Schrecken von der Haut. Später, nach den Nachrichten, liegt er im Bett und denkt über dieses «Go to hell» nach.

Beim Frühstück hat er den Entschluss gefasst.

«Ein Ticket to Hell und retour, bitte»,
sagt er zur Reisebüroverkäuferin. «Sorry, wir haben keine Tickets mit Rückfahrt. Es gibt nur Hinfahrten.» Sepp lehnt lässig am Schalter und reagiert so, wie er in solch harmlosen Situationen immer reagiert: «Okay, aber erste Klasse bitte.»

Jetzt steht er im Wartezimmer zur Hölle. Starker Schwefelgeruch füllt den Raum, Russ klebt an den Wänden. Es riecht nach verbrannter Haut. Die Hitze macht Sepp zu schaffen: «Wird da grilliert?», stupft ihn ein Gedanke.

Plötzlich wird er von hinten gepackt. Zwei Unsichtbare führen ihn durch einen langen Gang. Er hört Schreie und höllisches Gelächter aus den anliegenden Räumen. Eine Flügeltüre wird aufgestossen. Sepp fliegt nach vorne und fällt zu Boden. Sein Koffer landet vor schwarzen Füssen. Die gehören dem Ungeheuer, welches auf Sepps Koffer starrt.

Es grinst und zeigt seine schwarz polierten Zähne. «Hey, du mutiger Schweizer, das ist mir noch nie passiert.» Sein Lachen donnert durch die grosse Halle, seine Atemluft lässt die Schatten der Höllenflammen noch wilder auf den Wänden des Thronsaals tanzen. «Was hast du zu bieten?»

Sepp findet seine Frechheit zurück und erinnert sich an Gions Bündnerkäse, Jacques Fendant und an Giovannis Brot aus dem Centovalli. All das liegt im Koffer. «Zum Glück ist es ein Samsonite», denkt er, «da drin geht nichts kaputt.»

«Es Fondue» sagt er zum Ungeheuer: «Figugegel sagen wir dazu.» Jetzt lächelt er wie ein raffinierter Banker. Der Teufel tappt in die Falle und befiehlt: «Zeigs mir!»
Sepp mit einem vielversprechenden Lächeln: «Überlass mir die Küche, und du wirst es erleben.»

Sepp trägt den Koffer in die Küche und scheucht das Personal hinaus. Jetzt tut er das, was jeder gute Schweizer einmal im Winter tut: Fondue kochen.

Eine halbe Stunde später sitzt er mit Luzifer, so nennt sich der Hässliche, beim Fondue. Diesem gefällt die zweizackige Gabel und er geniesst das Aufspiessen des Brotes. Der Fendant macht ihn schläfrig, der Käse träge.

Sepp ergreift cool seine Chance: «Das kannst du jeden Tag haben, wenn du willst.» Er weiss, niemand sagt nein zu seinem Fondue. «Gut, mein mutiger Schweizer, wo hast du den Käse?», will Luzifer wissen. Sepp schaut ihm unschuldig in die Augen: «Eure Hoheit, auf der Alp, kühl gelagert. Ich muss ihn dort holen. Besorgt mir ein Ticket Schweiz retour und euer Traum geht in Erfüllung.»
«OK», willigt Luzifer ein und lässt dem Sepp ein Ticket ausstellen.

Drei Wochen später erwischt es Sepp mit einem Hexenschuss. Exakt zum gleichen Zeitpunkt, als Luzifer erkennt, dass ihm dieser Schweizer einen schönen Käse erzählt hat.

Die Erfindung

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Im Kopf rumort es.

Der Kuckuck hat sich in seinem Kopf eingenistet und schaut wissbegierig um sich. Auf den ersten Blick sieht es nach Chaos aus, beim längeren Verweilen jedoch bemerkt er, dass da eine andere Ordnung herrschte als er es gewohnt ist.

In diesem Kopf schmorten viele Ideen, über die er nicht sprechen konnte, aus Respekt, aus Gründen des Copyrights und weil er hier nicht hinausgeworfen werden wollte. Aber er musste anerkennen, dieser Genosse hatte Talent.

«Habe ich einen Vogel?» fragt sich Sepp Dieser Kuckuck geht mir nicht mehr aus dem Kopf. «Nun gut, wenn das so sein soll, lassen wir es halt zu.« Er entschliesst sich für ein entspannendes Bad. Im warmen Wasser liegend, schliesst er die Augen und lauscht den Geräuschen um sich herum.

«Heureka, ich hab's!» ruft er aus. Beinahe wäre er abgetaucht. Er erhebt sich und rennt pudelnass, mit dem Handtuch um die Hüften, hinter das Haus. Hier sucht er sich ein paar Hölzer aus, nimmt ein paar scharfe Steine und das Harz vom Wald mit ins Haus.

Der Vogel in seinem Kopf reibt sich die Hände. Sein Name ist Nicolas. Warum, wusste damals noch niemand.

«Ich werde der Welt etwas Einmaliges schenken"» murmelt Sepp. Er arbeitet bis tief in die Nacht. Nicolas sieht, dass da etwas wichtiges entsteht und ist zufrieden. Er denkt schon ans Marketing, eine zweijährige Garantie, Fernsehwerbung und spannende Events.

Es ist Mitternacht. Die Tiere vor dem Haus heben den Kopf und lauschen. Sie hören den Kuckuck rufen. «Um diese Zeit? Und das zwölf mal hintereinander?» Das ist aussergewöhnlich. So präzise haben sie den Kuckuck noch nie gehört.

Sepp strahlt. Der Kuckuck im Kopf tanzt Samba. Die Waldspinne schwingt ihre Hüften, die vier paar Beine im Viervierteltakt. Sie kennt das Stück: «Batucada»,von Bebel Gilberto und sie fühlt sich wie eine Carioca."

In sein Handtuch gehüllt verpackt der Sepp das Ding in eine Kiste mit Hobelspähnen. Er nennt es «Kuckucks-Uhr» und denkt: «Das kommt bestimmt an.» Dann holt er sich Briefpapier und schreibt: «Aus Bewunderung für Ihre visionären Ideen und Ihre eindrucksvollen Produkte. Ihr Sepp.» Die Kiste schickt er an: Nicolas G. Hayek, Uhr-Macher, Schweiz.

Zur Sicherheit bringt er noch seine Telefonnummer an, +1 646-552-5917, falls Herr Hayek anrufen möchte. Er hätte ja noch ganz andere Ideen für ihn in seinem Kopf.

Wie die Geschichte entstanden ist

An einem herrlichen Augusttag habe ich das Starbucks Cafe an der Alton Road in Miami Beach betreten. Hier arbeitete ich oft an meinen Projekten. Hier stehen grosse und bequeme Fauteuils herum, es gibt Kaffee, es hat Stromanschluss, und man kann sich drahtlos ins Web einloggen.

Neben mir sass ein sympathischer Herr mit einem grossen Zeichnungsblock auf dem Schoss. Er war vertieft in seine Arbeit. Mein Hallo hat ihn auf mich aufmerksam gemacht. Im Nu waren wir im Gespräch. Er sei David Stoltz, sagte er, Bildhauer und Zeichner.

Seine Arbeiten im Zeichnungsblock gefielen mir auf Anhieb. Es waren kurios aussehende Tiere in den verrücktesten Posen.

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Cows of Avignon II

Davids Tiere benehmen sich wie erwachsene Kinder. Sie tummeln sich, sie tanzen und verrenken ihre Körper, als wären sie aus Gummi. David's Zeichnungen sind voller Fantasie und sie berühren meine Seele. Ich möchte am liebsten mitten unter seinen Figuren sein und mitmachen.

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You and Me

David's Zeichnungen haben an diesem Augusttag meine Fantasie geweckt. Als ich mich von ihm verabschiedete, war "The Swiss" in unseren Köpfen geboren. Am nächsten Tag begannen wir mit dem Projekt, meine Heimat, die Schweiz, als Märchen zu realisieren.

Mit David's Können konnte ich mein Heimatland so darstellen, wie ich es heute - etwas verträumt und schwärmerisch - mit meinem Herzen wahrnehme.

Es ist auch ein Dankeschön für all die Werte und Traditionen, von denen ich profitieren durfte. Diese haben mir überall Türen und Tore geöffnet und dadurch mein Leben bereichert.

Viel Spass beim Lesen wünschen Ihnen
David Stoltz und Peter Kunz


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DavidsWebsite

Die Macher

Peter Kunz:
Idee, Text und Gestaltung
+1 646-552-5917
Email
http://www.simply-ideas.com

David Stoltz:
Zeichnungen
+1 646 981-8438
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Scans:
Spectra Photo Digital N.Y.
+1 212 979-1100
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Kontakt:
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© Copyright 2009 Peter Kunz und David Stoltz
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Der Kuckucks-Ruf

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Er ist grad im Begriff, sich in einen neuen
Traum einzufädeln, da passiert es.

Sepp liegt auf einem gefällten Baumstamm. Plötzlich hört er ein Geräusch, setzt sich auf und schaut auf seine Armbanduhr. «Was soll denn das?» lacht er, «die hab ich ja noch gar nicht erfunden.»

Cementit, Uhr, «Kuckuck», «Kuckuck», tönt es aus dem Wald.

Sepp steht auf und bewegt sich vorsichtig in die Richtung des Geräuschs. Es dauert eine Weile, da entdeckt er den Verursacher. Ein Vogel, am Stamm einer Tanne festgekrallt, trommelt unablässig mit dem Schnabel in die Rinde.

«Welch schlauer Kerl, er nutzt das Holz als Klangkörper.» Wie wenn der Vogel seine Gedanken gelesen hätte, trommelt er beflissen weiter. «Was für ein Beat! Das muss ich Sami erzählen.» «Kuckuck!» antwortet ihm der gefiederte Perkussionist.

Sepp kehrt zurück zu seinem Baumstamm, setzt sich und geniesst mit geschlossenen Augen den rhythmischen Klang. Bald fällt er in einen kurzen, tiefen Schlaf.

«Hatschi!» Haarige Laufbeinchen auf seiner Nase haben ihn soeben aus dem Traum gekitzelt. Er war gerade damit beschäftigt gewesen, ein Paket zu schnüren, weiter ist er nicht gekommen. Aber das Wichtigste hatte er in seinem Gedächtnis behalten.

Die vorwitzige Waldspinne macht sich schleunigst davon. Aus sicherer Distanz beobacht sie ihn. «Der sieht aber freundlich aus», denkt sie. Sepp kratzt mit einem scharfen Stein Harz vom Stamm und schaut nochmals kurz zum Vogel auf.

Etwas benommen vom Traum macht er sich auf den Heimweg. Er trägt das frische Harz mit sich. «Das sieht ja aus wie Cementit.» Die Spinne folgt ihm in sicherem Abstand, mit grossen Schritten und ausser Atem. Von weitem hört sie den Kuckuck, wie er Würmer und haarige Raupen aus der Baumrinde klopft. «Was für ein Gourmet» denkt sie und freut sich, nicht zur Beilage zu gehören.

Hinter den Kulissen

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In dieser Nacht wurde ein Star geboren.

Der Steinbock hatte den Gesprächsstoff für die nächsten vier Jahre geliefert. Nach einem tosenden Applaus sprang Sami vom Fels, Minnie hatte er ganz vergessen, und lief zum Steinbock. Das war sein neues Idol und der Massstab für seine Karriere als Bühnenstar. Weniger war für ihn nicht denkbar. Er spürte es, die Bühnenpräsenz war ihm in die Wiege gelegt worden.

Er musste sich durch die Menge drängen, um nahe an den Steinbock heranzukommen. Ganz vorne waren die Fans, die ihn bewundernd umringten. Samis Ziel war, eine Frage zu stellen, die er seit dem ersten Lebensjahr mit sich herum trug.

Es war der Steinbock, der sich ihm freundlich zuwandte und ihm eine Frage erlaubte. Sami, zitternd vor Erregung: «Mit welcher Fülfederhalter-Marke gibst du deine Autogramme?» «Ich weiss nicht, was diese Frage soll?» antwortete der Steinbock freundlich. Sami erwiderte, «Wenn ich meinen Fans einmal Autogramme geben werde, möchte ich schon Eindruck machen, darum die Frage.» «Das ist kein Geheimnis», lachte der Steinbock. «ich bin bei MONTBLANC unter Vertrag, die machen nicht nur die besten, sondern auch die elegantesten Füllfederhalter. Zufrieden?»

Sami war überglücklich, jetzt konnte ihn niemand mehr am Aufstieg seiner Karriere hindern. Alles war da, sein Talent, sein eiserner Wille und die Vision. Ja und Minnie würde ihm sicher zur Seite stehen.

Bei der letzten Weggabelung, dort wo die im letzten Jahr vom Blitz getroffene Tanne lag, sahen sie unseren Genossen auf einem Felsblock stehen. Sie hielten inne und schauten zu ihm herüber. Sie hörten «Dumm, dumm, dä, di, dä, dä, . . . » aus seinem Munde und sahen, wie er sich in diesem Rhytmus bewegte. Sami erkannte eine klitzekleine Ähnlichkeit mit dem Steptanz von Sammy Davies Jr.

Beide waren berührt vom linkischen Charme unseres Genossen und auch überrascht, dass er seine Scheu überwinden konnte. Hatte er vielleicht vor, Karriere zu machen? Er war doch eher ein guter Handwerker, als ein Tänzer. Aber die Antwort wollten sie dem Leben überlassen.

Sie schauten noch eine Weile zu und gingen dann Hand in Hand durch starkes Schneegestöber nach Hause. Wie war das Leben doch so schön!

Der Namenstag

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Caruso wird langsam ungeduldig.

Er sitzt schon eine Weile auf der Unterlippe des schlafenden Genossen und beobachtet ihn scharf. Zwischendurch steckt er seine Fühler in dessen Nasenlöcher, um ihn aufzuwecken. «Hat der einen Schlaf!» Dann scharrt er mit den Hinterbeinen. Nichts wirkt.

Draussen warten die andern Tiere. Sie lachen:«Der schnarcht ja wie eine Motorsäge!»

Caruso verliert die Geduld. Er stimmt «O sole mio» an, ein Lied, das sein Kollege Enrico Toselli für ihn geschrieben hat. Enrico ist berühmt, er hat als Ghost Writer für Mozart ein paar unvergessliche Werke geschrieben. Das wird aber verheimlicht. Caruso singt und kitzelt zwischendurch des Genossen Nasenlöcher.

Ein «Hatschi!» katapultiert ihn durch den Wohnraum, in die Küche und direkt in die Schüssel mit Schlagrahm, die der Genosse zum Kühlhalten ans Fenster gestellt hatte. Da steckt er jetzt und spult wie ein Trabant im Schnee. Zum Glück kann er sich befreien und ruft ein paar Bienen zu sich. Die Schleckmäuler reinigen ihn flugs von der schaumigen Pracht.

Unser Genosse ist jetzt hellwach, weiss aber nicht, wo er sich befindet. Im Traum war er in der Sahara, sass mit einigen Beduinen im Zelt des Stammesfürsten und ass Couscous. Jetzt steht er im Pyjama am Fenster und sieht nur Berge und Schnee. «Zauberei?» murmelt er, schüttelt den Kopf und bringt seine Blutzirkulation in Gang. Er sieht Caruso mit den Bienen in der Küche. Jetzt dämmert es ihm. Er geht ins Badezimmer, um sich für den Tag bereit zu machen.

Dann eilt er zum Bahnhof. Er will den Frühzug erreichen, um pünktlich am Ziel zu sein. Die Tiere folgen ihm. Ausser Caruso, dem ist es zu kalt draussen. Der «Rote Pfeil» wartet schon. Der Genosse schaut sich um. Er scheint der einzige Passagier zu sein.

Doch die drei hinteren Wagen waren für den Hirsch und sein Gefolge reserviert. Benedikt Weibel von der SBB hatte ihm einen Rabatt gewährt. Doch von all dem wusste unser Genosse nichts, als der den Zug bestieg.

Er geniesst die Fahrt. Vom Viadukt aus schaut er fasziniert in die Tiefe und wendet dann seinen Blick dem Gebirge zu. Da steht es, das «Berggasthaus Ida», sein Lieblingsrestaurant, von dessen Terrasse aus er der Welt seinen Namen preisgeben will.

Der Bus bringt ihn zum Gasthaus. Zuerst gibt es ein währschaftes «Zmorge.» Der Hirsch und seine Kumpanen essen draussen - vegetarisch. Idas Preise können sie sich nicht leisten.

Es ist erst neun Uhr. Unser Frühaufsteher putzt sich die Mundwinkel und schreitet dann feierlich in Richtung Terrasse. Sein Herz schlägt wie verrückt. Jetzt ist der Moment gekommen, der Öffentlichkeit seinen Namen zu verkünden. Der Himmel hat sich in ein festliches Blau gehüllt und die Sonne ist auf 898'000 Volt.

Er steht an der Brüstung, atmet tief ein, hält einen Moment inne und ruft seinen Namen in die Welt hinaus. «eeeep... eeep... eep..» hallt es zurück. «Ein Genosse?», fragt er sich verblüfft.«Der käme wie gerufen. Also nochmals, noch lauter: «Sepp!» und wieder kommt dasselbe «eeeep... eeep... eep... »zurück.

Die Taufpaten

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Dieses Dreigestirn der Alpen weckt seine Abenteuerlust.

Er hat sie zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten studiert. Jeder dieser Gipfel zeigt einen unverkennbaren Charakter. Einladend im Sommer, abweisend und unberechenbar in den kalten Monaten.

Sein Entschluss, sie zu besteigen, ist rasch gefasst. Er gibt ihnen Namen. «Eiger, Mönch und Jungfrau.» Er ist sich sicher, dass diese Schönheiten einmal die Herzen der Menschen erobern würden.

«Mein lieber Eiger, du hast mir jedesmal die kalte Schulter gezeigt. Ich habe dennoch den Einstieg in dein Herz gefunden.» Das war lange, nachdem ich auf dem Gipfel des Mönchs gestanden bin.»

«Meine Jungfrau, du hast mich am meisten gereizt. Deine Schönheit hat meinem Atem zu schaffen gemacht. Auch die unzähligen Versuche, dich zu besteigen. Du hast dich hartnäckig widersetzt. Als es dann soweit war, haben wir uns gegenseitig ins Herz geschlossen.

Damals war er mit rudimentären Hilfsmitteln ausstaffiert. Seine Beobachtungsgabe und der nimmermüde Erfindergeist haben ihn zur Herstellung praktischer Geräte angespornt. Jetzt ist er mit Eispickel und Schneeschuhen ausgerüstet.

«Du, mein Mönch, hast mich mit deiner Ruhe herausgefordert. Wir sind Freunde geworden. Die Aufenthalte in deinen Höhen wurden zu Meditationen.»

Es schien ihm, als schaue das Trio zu ihm herüber um ihn nach seinem Namen zu fragen. Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, dass er namenlos war.

«Das wärs! Ich wünsche mir einen Namen, der zu mir passt.» Er schliesst die Augen, was er immer tut, wenn er einen Einfall erwartet.

«Hoppla, das ging schneller als üblich.» Er lacht und reibt sich die Hände. «Dass ich nie daran gedacht habe!» Er lacht nochmals, ganz spitzbübisch.

Er schaut nochmals zum Eiger, dem Mönch und der Jungfrau hinüber und blinzelt ihnen zu:
«Also dann, bis morgen.»

Das Donnerwetter

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Die Natur öffnet das Wetterbuch auf Seite 24

Die Sonne hat sich noch nicht blicken lassen, ihr sind ein paar müde Wolken im Weg, die sein heutiges Ziel verdecken. Den Weg dorthin hat er jedoch in Gedanken viele Male begangen. Er fühlt sich gut und istr bereit, loszuziehen.

Sein Ziel ist der lange, schneebedeckte Berggrat im Westen, der gestern von der Abendsonne in sanftes Rosa getaucht worden ist. Jetzt steht der Morgen da. Bereit, sein Repertoire an Farben grosszügig anzuwenden. Er ist schon eine Weile unterwegs, als die Wolken der Sonne den Weg frei geben.

Auf einmal glitzert die in weiss gekleidete Landschaft wie ein Diamantenmeer. Beeindruckt hält er inne und geniesst das Naturschauspiel.

Beim Weitergehen erspäht er einen Adler über sich, der nach Bewegungen unter der Schneedecke sucht. Er segelt mit weit ausgebreitenen Flügeln über ihm. Ab und zu ändert er seine Route oder die Flughöhe mit einen einzigen Flügelschlag. «Welch wunderbares Geschöpf!»

Geblendet von diesem Schauschpiel setzt er seinen Weg zum Grat fort. Zufrieden stimmt er ein Lied an und marschiert durch den hohen Schnee seinem heutigen Ziel entgegen.

Die Falle in Casa Blanca

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Sepp wirft den Wecker aus dem Fenster.

Er fällt nochmals in einen tiefen Schlaf. Caruso weckt ihn mit einem sanften Kitzeln. Sepp steht auf. Er weiss, in einer Stunde muss er in Casa Blanca sein.

Der Brief soll noch vor 11 Uhr weg. Das Kamel wartet, vollgetankt. Alles ist klar, er kennt die Route von seiner letzten Autorally durch Marokko.

Sepp liebt die Geschwindigkeit, er beherrscht das Kamel wie seinen Range Rover. Beide fühlen sich bequem an, die Sitze sind robust und machen jede Bewegung des Gefährtes mit. Sepp kann mit einem Fuss das Tempo drosseln oder es beschleunigen. «Fantastische Occasion», denkt er und kneift die Augen noch mehr zu.

Das Kamel ist schnell, die Zeit vergeht wie im Flug. Noch vor elf Uhr erreicht Sepp die Vorstadtgebiete. Bald taucht das bekannte Schild Casa Blanca auf. Wenig später steht er vor dem Postgebäude. «Angekommen», murmelt er und nimmt das Tagelmust vom Gesicht.

Dann geht er zum Postgebäude hinüber, hier stösst er die grosse Tür auf. Drinnen ist es angehnehm kühl. Er ist allein. Sepp geht auf den einzigen Schalter zu. Der Mann dahinter zählt Kleingeld, jetzt schaut er Sepp ins Gesicht, «Kenne ich ihn?», denkt Sepp und fragt dann, «Was mached au Sie da, Herr Steinberger?» In lupenreinem Luzerner Dialekt erwidert der Schalterbeamte, «Wie bitte?»

«Sind Sie der Emil vom Fernsehen?» «Nei, nei, gänd Sie mer jetzt dä Brief, i han kei Zyt zum Schwätze, I han ztue.»

Sepp schluckt verlegen und bezahlt für die Briefmarken. Dann schaut er den Mann hinter dem Schalter nochmals an und denkt, «Warte nur.»

Er verlässt die Post. Sepp folgt seinem Schatten, den die unbarmherzige Sonne auf den Wüstenboden brennt. Sein Ziel ist die Bar «Petit Prince» auf der anderen Strassenseite. Hier geht er direkt nach hinten, wo der Telefonapparat steht. Er steckt ein paar Dinars in den Automaten und wählt die Nummer des Postamtes. Er wartet.

Da! Am anderen Ende hebt jemand den Hörer ab. Sepp drückt die Hörmuschel an sein Ohr. «Das ist der automatische Telefonbeantworter von der Polizeistation, ähh nei äh, von der Post in Casa Blanca.» Sepp hängt auf und geht hinaus, die gleissende Sonne erwartet ihn. Er geht auf sein Cabriolet zu und sagt, «Dä Emil.»

Im Postgebäude zieht Viktor die Perrücke vom Kopf und schaut fragend zum Kameramann, der hinten im Dunkeln steht. Der nickt mit dem Kopf und sagt, «Mer händ en verwütscht Herr Giacobbo.»

Eine neue Leidenschaft

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Die Musik hatte ihn gepackt. Er will mehr davon.

Sami erzählt ihm von den englischen Rock Bands. Das sei Musik, die den Saal zum Dampfen und die Bühne zum Vibrieren bringe. Sami ist ein wandelndes Musiklexikon. Er zählt exotische Namen auf, wie Pink Floyd und verdreht dabei die Augen. Er schwärmt von Satchmo, dem frühen Latino-Wunder Santana und von Jennifer Lopez. Mahalia Jackson nennt er eine Wucht von einer Frau.

Gestern hatt es ihn gepackt. Er will jetzt aus sich herauszukommen und etwas ausklinken. Dafür hatt er diesen Felsen zur Bühne gewählt. Er sieht sich im grellen Scheinwerferlicht stehen und die Begeisterungsschreie entgegennehmen. Er winkt den Fans zu und beginnt zu tanzen. Er ist einmalig und das ganze ist ein Riesenerfolg. In Schweiss gebadet nimmt er den Applaus entgegen und verspricht den Fans wiedezukommen.

Diesen Morgen hat er sich für den neuen iPod entschieden. Den muss er haben. Er denkt daran, Milch zu verkaufen, um etwas dazu zu verdienen. Vielleicht würde er sein Experiment mit Kakao weiter entwickeln und etwas Genussvolles produzieren. Etwas Süsses, das auf der Zunge vergeht. Etwas Unvergessliches. Es müsste die Form einer Bergkette haben. Er hatte auch schon den Namen dafür: "Toblerone".

"Ich bi scho cheibe guet", lacht er und geht von dannen.

Hallo New York

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Sepp will endlich einmal eine Weltstadt erkunden.

Die Maschine landet pünktlich am JFK Airport. Der Zollbeamte lässt ihn ohne Fragen passieren. Sepp eilt zum Ausgang, wo die Taxis stehen, um rasch in die City zu gelangen. Sein Magen knurrt. Er hat Lust auf italienische Küche.

«Taxi» ruft er und schon sitzt er in einer bequemen Limousine. Locker stützt er den rechten Arm mit dem Ellenbogen nach aussen auf dem offenen Fenster auf, wie er es vom Film her kennt. Dabei fällt ihm ein, dass ja bald die Oskar-Verleihung stattfindet.

In Gedanken macht er eine Überblendung und lässt das heranfahrende Taxi ins Bild kommen: Sepp setzt sich hinten rein, kneift die Augen zusammen und befiehlt mit rauchiger Stimme: «Fahr mich zur besten Trotteria hier in dieser langweiligen Stadt!» Don Vito Corleone in «Der Pate» ist Sepps Vorbild für diese gespielte Szene.

Er sieht die Augen des Taxichauffeurs im Rückspiegel. Sepp lässt seinen Blick auf dem Spiegel kleben, er hat sie auf hellblau und eiskalt eingestellt. Der Chauffeur hat verstanden und schaut eingeschüchtert auf die Strasse.

Im Village hält der Chauffeur und sagt: «Das ist "Umbria", das berühmteste Ristorante in diesem Viertel. Beste Lasagne und bester Wein aus Umbrien.» Sepp zieht ein paar Dollarscheine aus der Gesässtasche und will sie dem Fahrer in die Hand drücken. Dieser setzt sein Palaver fort. «Hier wurden zwei berühmte Mafiabosse massakriert.»

Sepp wäre fast aus der Szene gefallen. Eine rascher Schnitt bringt seine Hände ins Bild. Sein von Schrecken gezeichnetes Gesicht ist nicht sichtbar. Rasch fängt er sich auf. Mit grossem schauspielerischem Können und mit messerscharfer Stimme fragt er: «Umbrische Küche?» Dann nochmals einen Ton schärfer, langsam und bestimmt: «Mein Sohn, ich bin Siziliano, fahr mich zum Cortile, capito!?»

Die nächsten Bilder gehören jetzt eher zu den harmlosen: Zeit gewinnen, nennt es Sepp. Er kennt das, der Film soll ja mindestens 110 Minuten dauern. Gut, auch er geniesst die Fahrt durch das Village, das wie immer wimmelt von Menschen. Drei Minuten Filmmaterial sind gewonnen, als Sepp den Chauffeur sagen hört: «Il Cortile, Boss.» «Also, der hat ja rasch kapiert», denkt Sepp. Er hält dem Fahrer acht Dollarscheine hin und lässt sich die Tür öffnen. «Buon appetito, Don», hört er noch und geht dann auf das Lokal zu.

Schnitt. Sepp sitzt am besten Tisch und studiert die Speisekarte. Der Kellner steht daneben und sagt, «Wir servieren die besten Menüs aus Sizilien.» Sepp blickt zu ihm auf. «Deshalb ist das Lokal immer noch Treffpunkt der Mafia» Er blickt in Sepp's fragendes Gesicht und dann zum Nebentisch. Die Kamera schwenkt mit. Hier sitzen vier Italiener und stecken die Köpfe zusammen.

Schnitt. Sepp im Bild. Er schluck, Schweiss bildet sich auf der Stirn, er greift nach seinem Kleingeld, wirft es auf den Tisch und meint, «Ich habe ganz vergessen, dass mein Flugzeug in einer Stunde startet. Sorry.» Die Kamera ist jetzt auf den enttäuschten Kellner gerichtet. Sepp hat sich klugerweise entschlossen, aus dem Film auszusteigen. Gage hin oder her.

Jetzt steht er auf der Strasse. Sein Gefühl sagt ihm «Geh auf Sicher. Sein Magen meint, «Pressier einmall, sonst verhungere ich noch».

Er ruft erneut ein Taxi heran, steigt ein und lehnt sich erlöst in den Rücksitz. Die Filmcrew hat er einfach stehen lasen.

«Wo solls denn hin?» fragt der Chaffeur.

«McDonalds.»

Mit Gefühl und Verstand

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Sepp denkt über das Denken nach.

«Ich denke, also bin ich», sagt er. «Wer hat das schon wieder gesagt?», überlegt er. »Habe ich jetzt gerade gedacht?» fragt er sich. «Ja, dann bin ich.»

Sepp nimmt einen tiefen, frischen Atemzug: «Ja, aber was bin ich», sinniert er weiter, «wenn ich nicht denke?» Seine Stirne beginnt sich zu runzeln: «Vielleicht denke ich zuviel.»

Sepp entspannt sich wieder und schaut zu Eiger, Mönch und Jungfrau hinüber. Er wirft einen Blick ins Tal und zieht den würzigen Duft der Bergwelt ein: Herrlich! Er hört den Kuckuks-Ruf. Er fühlt den Haselstock in seinen Händen. Er hat den Nussgeschmack im Mund. Der Tag ist wunderbar! Sepp ist glücklich. «Ja, das gefällt mir. Darüber nachdenken kann ich dann später.»

Ein Lächeln huscht über sein Gesicht: «Ich fühle mich wohl, also lebe ich.»

Auch nur ein Mensch

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Sepp hat Post bekommen.

Jetzt sitzt er vor der Haustür und öffnet den Briefumschlag. Der Hirsch steht am Waldrand. Sepp liest. Der Hirsch lässt den Blick in die Ferne schweifen. Sepp schluckt. «Studio Leutschenbach», murmelt er. Der Hirsch ahnt etwas. So kennt er den Sepp nicht.

Es erinnert ihn an eine Szene in «The Treasure of the Sierra Madre», wo Curtis den Brief von Codies Frau liest, nachdem Codie in einer Schiesserei mit Banditen dranglauben musste. Diese Intensität und Dichte jenes Moments gleicht der Szene vor der Haustür. Tim Holt spielte damals diese Szene virtuos. Sepp hält da locker mit.

«Kurt Aeschbacher lädt Sie ein», liest Sepp, «in der Sendung sein Gast zu sein.» Sepp liebt diese Sendung: «Da gehe ich hin.» Dann stutzt er für einen Moment: «Was soll ich denn auf Aeschbis Fragen antworten?» Dieser Gedanke lässt ihn schaudern.

Anderseits sieht er sich schon vor der Kamera und hört Aeschbi ansagen: «Mini liebe Zueschauer, hüt isch e ganz schpezielle Abe. Mer händ de Sepp bi üs.» Tosender Applaus! Fans schreien im Publikum: «Sepp, du bisch de Gröscht!!»

Sepp schmunzelt und winkt lässig mit dem rechten Arm.

Er verliert die Balance und fällt vom Stuhl. Mit einem mal ist er wieder hellwach.

Sepp an der Winter-Olympiade

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Sepp hört den Wecker wieder einmal nicht.

Kann er auch nicht. Er ist an der Winterolympiade in Canada. Da steht er im Starterhaus. Der Wind bläst durch die Ritzen. Er spürt die Kälte und will endlich starten, raus aus dieser Eishöhle.

«Neun, Acht, Sieben», hört er undeutlich. Seine Gedanken sind ganz woanders. Im Kopf geht er die Strecke nochmals durch. Wie ein Fotoalbum, schön farbig und in Postkartengrösse.

«Sechs, Fünf, Vier», Sepp fährt in seiner Fantasie schon in die Zielgerade und erkennt die Menge. Alles jubelt und kreischt. Jetzt hört er den Starter rufen, «Eins, Los!»

Jemand stösst ihn aus dem Starterhäuschen in die eisige Abfahrt. Hier wird am Ziel nur der Sieger geküsst, nur ihm wird das Mikrophon gereicht. Wird Sepp der Glückliche sein?

Jetzt befindet er sich oberhalb des langen S-Kurve, S wie Sepp. «Aha, das könnte ja ein Omen sein», denkt er. Das S rast auf ihn zu. Er denkt schon an das Sieger-Interview. Da passiert es: «Schei..» geht es ihm durch den Kopf. Seine Skier verlieren den Kontakt zum Boden. Er fliegt durch die Luft und prallt mit dem Füdli auf die Piste. Geistesgegenwärtig hält Sepp die Balance und gleitet auf seinem Gesäss durch die S-Kurve, die von Bernhard Russi gebaut worden ist.

Sepp macht das beste draus: «Der Russi hat doch die Rennen gewonnen, weil er länger in der Hocke bleiben konnte» erinnert er sich und nimmt sich kurz entschlossen vor, hockend durchzufahren.

Am Ziel hält ihm Beni Thurnheer das Mikrofon vors Gesicht. «Gewonnen?», geht es Sepp durch den Kopf. Beni fragt: «Ein verrücktes Rennen, was meinst du dazu, Sepp?»

Sepp entnervt: «Ohni Thermo-Unterhose chasch so es Ruanne eifach nümme günne.»

Der Fund

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Sepp hat heute kein Programm.

Er möchte nur herumwandern und die Landschaft geniessen. Caruso begleitet ihn. Er sitzt auf Sepp's Schultern und summt eine Melodie aus der Dreigroschenoper.

«Hast du nicht etwas Anspruchsvolleres? Vielleicht mit Dollars und mehr Dynamik? Wir könnten einige Scheine gut gebrauchen.» Beide lachen und geniessen ihren Ausflug.

«Ubs!» ruft Sepp überrascht aus. «Was ist denn das?» Er bückt sich und greift nach dem Fund. «Der ist aber schwer», murmelt er und hebt ihn auf. «Öffne den Beutel», meint Caruso neugierig. «Der gehört nicht mir!» entrüstet sich Sepp. «Ach was» kontert Caruso,«du musst ja nichts herausnehmen.» Sepp ist ein ehrlicher Mensch und folgt seinem Instinkt: «Ich lege es auf diese Bank da drüben.»

«Sag dem Fund doch «Trust Fund», blödelt Caruso.

Sepp schaut auf den Beutel und meint: «Der ist nicht sicher auf dieser Bank.» Caruso hat eine Idee: «Weisst du was? Wir bewahren das Geld auf.» Sepp schüttelt den Kopf. Caruso fährt fort: «Wenn der Finder danach fragt, kann er es mitnehmen.» Sepp schaut auf den Beutel und dann in die Ferne. Er schliesst die Augen, um sich besser zu konzentrieren.

«Ich hab's! Caruso, ich habs! Weisst du, was wir tun? Wir leihen das Geld gegen eine Gebühr aus.» Caruso schüttelt den Kopf. Aber Sepp ist nicht mehr zu bremsen: «Wenn wir das geliehene Geld zurück erhalten, nehmen wir uns einen Teil der Taxe, und den anderen Teil legen wir wieder in den Beutel. So machen wir Gewinn.» Caruso meint: «Das sind ja Peanuts, damit kommen wir nirgends hin.»

Sepp erläutert: «Wenn wir hundert solcher Beutel haben, vervielfacht sich das.» Caruso begreift das nicht. Sepp hakt nach: «Caruso, du hast acht Beine. Stell dir vor, du musst flüchten und hast nur zwei.» Caruso springt auf und ab, er jauchzt und lacht und zittert vor Aufregung: «Sepp, du bist genial! Jetzt brauchen wir nur noch einen markanten Namen für's Marketing..... «Du hast recht, wart einen Moment», überlegt Sepp. Dann weiss er es: «UBS.»

Die Oskar-Nacht

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«Und der Oskar für die beste Hauptrolle . . .

. . . geht an Sepp, für seinen starken Auftritt im Abenteuerfilm «The Swiss.»

«Sepp, bitte komm zu uns herauf und und sag den Anwesenden wie du dich fühlst.»

Sepp steht auf und geht durch die Sitzreihe zum Gang, der zur Bühne führt. Locker spaziert er nach vorne und nimmt die sieben Stufen zum Podium im Flug.

«Sepp», sagt der Showmaster beim überreichen der Oskar-Statue, «herzliche Gratulation zu deinem ersten Oskar.» Sepp hält den Oskar in die Luft. Er lächelt in die Menge und winkt mit dem Ehrenpreis.

«Liebe Gäste, liebe Jury, herzlichen Dank für dieses grosse Kompliment. Ein besonderer Dank geht an meinen Emmentaler und das frische Vollkornbrot. Dann an Jacques Fendant, an Giovannis Espresso und an Gions Bündnertorte.»

"Grazie, merci, engrazie.»

Im Rampenlicht

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Schneeflocken und deren Reflexe verzaubern das Bühnenbild.

Die Schneeflocken und deren Reflexe verzaubern das Bühnenbild. Kein Laut ist zu vernehmen. Die Natur schenkt dem kommenden Geschehen ihre Aufmerksamkeit. Sie weiss, dass etwas Seltenes beforstand. Der Platzhirsch steht am Rand der Waldlichtung und freut sich auf den Auftakt. Auch er genoss einst dieses Rampenlicht. Das war mit Felix Mendelssohn Bartholdy's Psalm 42 op.42, «Wie der Hirsch schreit'.» Es unterliefen ihm einige Faux-pas, doch niemand erwähnte es. Er wusste um sein Talent, auch dass er es kultivieren musste, was er heute noch praktiziert.

Dem Adler im Horst geht Ähnliches durch den Kopf. Er ist eine Berühmtheit in diesem Landstrich. "Blackbird" von den Beatles war sein Stück gewesen. Er war damals im richtigen Alter, verrückt, ungekämmt, rebellisch und fast nie zu Hause. Die Mädchen hatten es ihm angetan, und er liebte es, sich vor ihren Augen vom Horst aus in den Abgrund zu stürzen. Die Mädchen schrien jedes Mal entzetzt und atmeten erlöst auf, wenn er in den Horizontalflug überging. Auch er wusste diesen Abend zu schätzen. Er wartete gespannt.

Sami, die Waldmaus, sitzt friedlich und entspannt im warmen Moos, welches einen grossen Felsen bedeckte. Es ist der Aussichtsort, den er an freien Sonntagen mit Minnie, seiner Gespielin teilt. Hier sitzen sie dann und knabberten an den besten Nüssen aus dem nahen Wald. Minnie betet Sami an. Sie pflegt sein seidenes Fell und stutzt ihm die Krallen. Er träumt davon, einmal, in ferner Zukunft, ins Kino zu gehen, mit Coca Cola und Pop Corn vor der Breitleinwand zu sitzen, den Stereosound in den Ohren und mit Minnie im Arm «Indiana Jones» anschauen zu dürfen.


Mit pochendem Herzen steht unser Genosse im tiefen Schnee. Gott sei Dank hatte er sich vor dem Verlassen des Hauses warm angezogen. Er konnte es also noch eine Weile aushalten. Die Bühne für den Auftritt ist hell erleuchtet. Alle Sterne sind da, auch die jüngsten dürfen länger draussen bleiben. Eine Sternschnuppe gibt das Zeichen zum Auftritt.

Die Zuschauer blicken gespannt auf die Bühne. Ein Schnee bedeckter Berg, der sich vom dunkelblauen Nachthimmel abhebt, steht mitten drin.

Die Beleuchtung ist meisterhaft und dramatisch. Diese Inszenierungen waren schon weitherum bekannt, sogar Hollywood war an einer Verfilmung interessiert. Ein Produzent war auch schon auf Besuch hier und köderte sie mit dem Oskar. Alle winkten ab. Man wollte keinen Oskar, keinen der nur mit verschränkten Armen herum stand und sich noch mit goldener Farbe angemalt hatte.

Die Spannung nimmt zu, das Publikum wartet ungeduldig. Etwas Aussergewöhnliches liegt in der Luft. Plötzlich taucht ein Schatten auf. Er bewegt sich auf dem Schnee zum Bühnenrand, ihm folgt sein Zwillingsbruder aus der Realität, der Steinbock. Mit einer Eleganz sondergleichen steuert er auf einen Felsvorsprung zu. Es ist still, er geniesst die Dramatik und schaut mit halb geschlossenen Augen zum Publikum hinüber. Jetzt setzt das Klavier ein. Bei den ersten Klängen erkennen die Anwesenden, dass es sich unzweifelhaft um Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung» handelt. Was für ein Wagnis! Ein Schaudern geht durch die Menge.

Der Steinbock hatte das erste Stück der Suite gewählt: «Die Promenade», Klavierkonzert solo. Er fühlte sich ganz Avantgarde. Das war seine Stunde, er nutzte sie. Seine Darstellung raubte allen den Atem. Der Fels war seine Bühne. Er bewegte sich im Gleichklang der Musik, machte an den höchstgelegenen und gefährlichsten Stellen am Fels längere Pausen und überliess dem Pianisten die Ehre der Bewunderung. Er setzte seine Schau dort fort, wo er den stärksten Eindruck hinterliess. Die Zuschauer schauderten und hörten genussvoll ihr Herz rasen. Diese Nacht ging in die Geschichte ein. Die Erwartung für den nächsten Darsteller, voraussichtlich im nächsten Schaltjahr, war gross. Unser Steinbock geniesst den tosenden Applaus und geht so eindrucksvoll von der Bühne, wie er sie betreten hatte. Seither trägt dieser Landstrich den Steinbock im Wappen.

Schneegestöber

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Es ist der Vollmond, der in dieser Nacht das Licht zum Schauspiel spendet.

Wie meistens, gelingt ihm das mit Bravour. Weit und breit sind keine Wolken zu sehen, die seine Aufgabe verhindern können. Diese befinden sich über der Ukraine und machen dort die Gegend furchtbar dunkel. So dunkel, dass sogar der Schweizerische Konsul in Kiew das Haus nicht verlässt. An diesem Abend geniesst er etwas länger diesen Weblog. Was er nicht bedauert, wird er doch netterweise einmal erwähnt.

Die Schneeflocken tanzen nach Debussy's «La neige danse.» Wenn Sie im Französisch-Unterricht aufgepasst haben, wissen Sie, was das heisst. Jetzt spielt der Pianist «Schritte auf dem Schnee» was zum Geschehen passt.

Unser Genosse ist auf dem Weg nach Hause. Es ist das erste Mal in seinem jungen Leben, dass er solche Musik hört. Er ist berührt von den Klängen des Pianos und hät inne.

Darin versunken und glücklich geht er in Richtung seines Hauses. Als er am Hügel vorbei kommt und nach rechts schaut, erblickt er ein wunderbares Schauspiel.

Lust auf Abendluft

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Sepp wandert über die Matten und geniesst die Stimmung.

Zufrieden summt er vor sich hin. Da sieht er einen Mann. Der steht unter einem Baum und schaut zum Sepp herüber. Der Fremde trägt Frack und Zylinder. In der rechten Hand hält er einen Zauberstab, den er zu verbergen versucht. Er macht einen traurigen Eindruck.

Sepp geht auf ihn zu und sagt herzlich: «Grüezi, wie gahts?»

«Es geht so», antwortet der Mann in gebrochenem Denglisch. Sepp hakt nach: «Sind Sie nicht zufrieden?» Der Fremde schaut traurig ins Tal und dann dem Sepp in die Augen: «Ich habe heute noch keinen Auftrag hereingeholt.»

«Das ist doch keine Schande», entgegnet Sepp. «Arbeite für mich, ich suche einen Melker.»

«Mein Arbeitgeber lässt das nicht zu. Konkurrenz-Klausel, weisst du und so.»

«Was verkaufst du denn?», will Sepp wissen.

«Schau, mein Boss stellt mir die Aufgabe, schöne Orte zu finden, die ich ausschmücken soll, um die Menschen glücklich zu machen», seufzt der Mann.

«Hier gibt es nichts zu schmücken. Es war schön, bevor ich mich da niedergelassen habe. Ich bin zufrieden.»

«Nein», siehst du», sagt der Befrackte und fragt den Sepp nach seinem Namen. «Sepp», antwortet der. «Sepp, es ist doch so», sagt der Fremde und legt seine Hand auf Sepps Schulter: «Um glücklich zu sein, musst du doch Geld haben!»

Sepp schaut ihn an und schweigt.

«Weisst du, ich zaubere, äh ich arbeite, für Starbucks.»

«Was ist das?», fragt Sepp.

«Die verbreiten Kaffeekultur in der Welt.» Jetzt lacht er und fährt fort: «Wenn du in deinem Ort ein Starbucks Cafe aufmachst, machst du mich zum Star und du machst die Bucks.»

«Kann ich meine eigene Milch verwenden?» fragt Sepp. «Nein, wir liefern sie.» Sepp runzelt die Stirn: «Kann ich im Cafe Ländlermusik spielen?» «Nein, nur unsere Eigenproduktionen.»

Sepps Stirne runzelt sich weiter: «Kann ich meine Käsebrote verkaufen?» «Nein, wir haben unsere eigenen Sandwiches.» Sepps Stirne wird zum Wellblech, er denkt an Wilhelm Tell. Den Gedanken an die Armbrust verscheucht er freundlicherweise.

«Kann ich wenigstens das Schild vor dem Cafe selber malen?»
Der Fremde wird jetzt deutlicher: «Sieh mal Sepp, wenn du die Bucks machen willst, musst du das Maul halten können.»

Auch Sepp spricht Klartext: «Schau mal lieber Zauberer: Giuseppe, il Ticinese, wäre unglücklich, deinen Kaffe trinken zu müssen. Jacques liebt einen echten Café au Lait, und Gion hat auch seine Kaffeetradition. Wir würden unsere Freundschaft gefährden. Vielleicht schaust du mal über der Grenze nach Orten, die du verschönern kannst. Sonst kommst du zurück als Melker. Der Stall ist offen.»

Der Flaggenwerfer

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Er ist stoltz auf sich.

«Peter, du hast "stolz" falsch geschrieben? "Stoltz" ist der Zeichner dieser Geschichte. David Stoltz, der mich mit seinen Filzstiften ständig kitzelt. Ich bin jedesmal froh, wenn er eine Zeichnung fertiggestellt hat.»

«Zurück zur Geschichte mein lieber Genosse, da hast dich da etwas vorgedrängt. Das ist nicht dein Charakter. Ich weiss, du wolltest David nur ein Kompliment machen und ihm danken, weil er dich so echt darstellt. Lass mich jetzt wieder ran, ich habe ja noch diese Episode zu erzählen.»

An diesem Tag bleibt er im Hause. Warum? Das fragen sich die Tiere, welche an seinem Leben Anteil nehmen. Sie machen sich Sorgen. Die Stunden vergehen, er zeigt sich nicht.

Gegen Abend sind sie wirklich besorgt. Einige wollte beim Haus nachsehen. Der Platzhirsch hiält sie zurück. «Habt doch etwas Vertrauen, der macht nichts Dummes, glaubt mir, wir beide sind vom selben Kaliber.»

Tatsächlich, kurz vor Sonnenuntergang öffnet sich die Tür, unser Genosse tritt vor das Haus und schaut sich um. Die Tiere verstecken sich im Gebüsch, nur das Hirschgeweih schaut oben heraus.

Der Genosse schmunzelt, er hat sein Publikum entdeckt und kann sich dessen Aufmerksamkeit sicher sein.

Er geht zur kleinen Anhöhe und stellt sich mit gespreitzten Beinen hin. Dann dreht er sich mit einem kräftigen Ruck um seine Körperachse und schwingt einen Stock. Den wirft er mit einem lauten und fröhlichen Jauchzer hoch in die Luft. Dort oben entfaltet sich ein rotes Tuch, mit einem weissen Kreuz. Als es langsam wieder nach unten gleitet, fängt der Genosse es mit sicherem Griff auf. Das wiederholt er mehrmals, immer begleitet mit einem neuen Jauchzer.

Die Sonne hatt es eben noch miterleben können, bevor sie hinter den Bergen verschwindet um auch anderen Ländern ihr Licht zu spenden. Aber sie freut sich auf den nächsten Abend. Sie bedauert nur, dass es noch vierundzwanzig Stunden dauert bis dahin. Sollte sie sich nicht etwas schneller bewegen? Sie weiss, diese Spekulation ist überflüssig, sie war in einem grossen Gefüge eingebettet und kann nicht tun was ihr gefällt. Bei diesem Gedanken wird sie ganz rot im Gesicht, seither sind die Sonnenuntergänge rot.

Geistesblitze

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Dass ihm solche Namen mit Leichtigkeit einfallen, überrascht ihn immer wieder.

Sein Nachdenken liefert ihm noch weitere Erkenntnisse. Ein einprägsamer Name bleibt in den Köpfen der Menschen hängen. Das hat aber Konsequenzen. Dieses Produkt muss nicht nur gut sein, sondern einmalig gut. Zuverlässig und robust, praktisch und auch noch schön.

«Swiss Made», hört er sich sagen. «Was für ein Wurf, das muss ich beim Amt für Geistiges Eigentum hinterlegen.» Das gefiel ihm und stimmt ihn zuversichtlich.

Aus lauter Freude stösst er einen Jauchzer aus.

«Das ist es! Das ist eine Philosophie, die Zukunft hat», denkt er. Diese Idee will er an seine zukünftigen Genossen weitergeben. Er jauchzt vor lauter Freude.

«Great», sagt er und denkt daran, diese ausländischen Wörter zu sammeln. In einem Buch für fremde Wörter.

Vielleicht konnte man das einmal gut gebrauchen. Man weiss ja nie.

Er schätzt die Ordnung und liebt es, die Dinge zu organisieren. Man weiss ja nie.

In den Lüften

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In diesem Traum liegt er in der Wiese, die an sein Haus grenzt.

Das Gras kitzelt seine Beine, und die Grille "Caruso" sitzt auf seiner Brust, ein neues Wesen, das er ins Herz geschlossen hat.

Aus der Ferne vernimmt er einen unbekannten aber angenehm brummenden Ton. Der kommt näher und wird stärker. Der fremde Klang scheint jetzt genau über ihm zu sein.

Er öffnet seine Augen. Was er sieht, verschlägt ihm den Atem. Sein geliebtes Kreuz fliegt hoch über ihm durch die Luft und zieht einen silbrig glänzenden Rumpf mit sich.

Vor lauter Stolz darüber wäre er beinahe erwacht. Er war aber neugierig und will weiter träumen.

Seine ausgeprägte Beobachtungsgabe deckt einige interessante Details auf. Da waren kleine Fenster an den Seiten angebracht, wie auch an der Front dieses fliegenden Objektes. Die Flügel waren starr und mit etwas bestückt, das sich rasend schnell drehte.

Das silbrig glänzende Ding hatte es ihm angetan. Er ahnt, dass dieses Fliegende Haus irgendwann einmal Menschen befördern würde. Er könnte mitfliegen und von oben seine Heimat betrachten. Warum nicht auch in ein anderes Land fliegen?

Er will ein wenig davon träumen, als ihm einfällt, dass er sich schon in einem Traum befindet. Er lässt es bleiben, er wusste nicht, ob er dann in seine schöne Realität zurück finden würde.

Das Kreuz wird kleiner und kleiner verschwindet am Horizont.

Er nannte es intuitiv Swiss.

Die Daseinsfreude

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Sein Haus steht auf Fels.

Ihm gefälltl die Sicht über die Berghügel und in die Täler. Morgens, kurz vor Sonnenaufgang, beobachtet er die Tiere, wie sie scheu zum Haus herüber blicken.

Er schmunzelt, ihm geht es genau so, er liebt es, diese schönen Tiere zu betrachten. Gerne hätte er gewusst, was sie von ihm denken.

Er hat sich vorgenommen, eine Futterkrippe in der Nähe aufzustellen. Das wird ihnen gefallen und Vertrauen schenken.

Im Haus ist alles vorhanden, was ihm das Leben bequem macht. Holz für seine Feuerstelle findet er unterwegs, Pilze sammelt er im nahen Wald, und Beeren wachsen hinter dem Haus. Seine Kühe geben die Milch und der Bach bringt täglich frisches Wasser.

Wie vorausschauend er doch war, als er hier sein Haus gebaut hat.

An diesem Abend älltl er viel früher als sonst in den Schlaf.

Der Glückspilz

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Heute, nach einem weiteren erlebnisreichen Tag, wird ihm bewusst, was für ein Glückspilz er ist.

Auf seinem Nachhauseweg spaziert er über saftige Wiesen, an herrlichen Bächen entlang und durch lichtdurchflutete Wälder.

Der Aufenthalt in der Natur beglückt und inspiriert ihn.

Das alles braucht die Pflege von einem Genossen, wie er einer war. Er stellt sich vor, wie er Bäume vor dem Haus pflanzen würde, Blumen vor die Fenster setzen, Wege auf den Wiesen anlegen würde. Vielleicht könnte er sogar einen Bach umleiten - am Haus vorbei - so wäre er immer mit frischem Wasser versorgt.

Ja, diese Landschaft war wie geschaffen dafür.

Der Tüftler

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Er hat nicht übertrieben, als er diesen Ort sein Paradies henannt hat.

Unterwegs auf seinen Wanderungen macht er oft Pausen. Er ruht unter einem Baum oder sitzt an einem Bach und denkt sich neue Namen für die Gegend aus.

Er ist erstaunt über seine Fantasie, die immer wieder neue Ideen hervorbringt. Heute hatte er Apfelmus mit frischer Milch gemischt. Das hatt wieder herrlich geschmeckt.

Die Natur hat ihm alles für's Leben gegeben.

Süsse Früchtchen

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Jeder Tag brachte etwas Neues.

Er beginnt, allem einen Namen zu geben, um etwas Ordnung in seinen Alltag zu bringen. Das macht ihm Spass.

Da sind diese wunderschönen Bäume - mit niedrigen Stämmen und weit ausladenden Kronen. Sie tragen rote Früchte. Er nennt sie Äpfel. Da er viele Sorten findet, gibt er ihnen Namen.

Interessiert betrachtet er einen neuen Apfel und beisst dann genussvoll hinein. "Herrlich!", entfährt es ihm, und er nennt ihn spontan «Humliker». Der Landschaft gibt er den Namen «Humlikon».

Er hat eine weitere Aufgabe gefunden. Wenn er schon einen Kopf hat, wille er ihn auch benutzen.

Das war ein fantastischer Tag! Er ist stolz auf sich.

Der erste Tanz

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Zum "Zmorge" gibt es Käse und frische Milch. Das will er ab jetzt zur Tradition machen.

Als er heute, am zwölften Tag, über die Matten spaziert, sieht er die Kühe friedlich an einer Wasserstelle weiden. Dort oben wil er sich später eine Hütte bauen. Er hat auch so seine Vorstellungen, was er mit der Milch alles anfangen könnte. Sein Leben machte mit jedem Tag mehr Sinn.

Er erinnert sich an seine rote Heimat und an diese weisse Form, die er einst darstellte. Sie geht ihm nicht aus dem Sinn. Was hatte er selber für eine Bestimmung?

Er smöchte in Harmonie mit der Natur leben. Alles andere würde sich bestimmt ergeben.

Spontan, trotz seiner Scheu, fordert er eine der Kühe zu einem Tänzchen auf.

Tierische Freude

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Heute geht unser Genosse in die Richtung
der aufgehenden Sonne.

Er singt fröhlich vor sich hin. Hoppla! Ein unbekanntes Wesen steht plötzlich vor ihm. Es lacht ihn an. Die Kuh, wie sie sich vorstellt, hatt auf ihn gewartet. Sie erzählt ihm von ihren Fähigkeiten und was sie liebe. Gras, viel Gras, Feldblumen und Wasser vom Bergbach.

«Welch nette Kuh und so freundlich», denkyt er und probiert die Milch, die sie ihm anbietet. Ja, er ist sicher, hier würde er nie mehr weg gehen. Der Platz ist ideal für friedliebende Wesen.

Der Boden war fruchtbar, die Seen voller mit Fischen und die Flüsse werden viel Wasser für die Pflanzungen herbeiführen. Die Hügel und Berge stehen bereit, zum Schutz dazubleiben.

Ach, er hat eine viel versprechende Zukunft vor sich!

Die Vorahnung

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Das Aufwachen ist wie immer ein Vergnügen.

Heute nimmt es sich vor, spontan loszuziehen. Viele atemberaubende Orte laden zum Verweilen ein. Die Zeit wird zum Freund, die Landschaft läss sein Herz jubeln, es ist im Einklang mit der Natur.

Ist diese Landschaft seinetwegen gestaltet worden?

Es ahnt schon, eines Tages würde es mit ähnlichen Genossen in diesem Paradies in Harmonie leben.

Das Zuhause

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Die Neugier wuchs und wuchs.

Jeden Tag bestaunte es das Wunder. Es war überwältigend schön. Spontan nannte es diesen Ort sein Paradies.

Es schaute zu den Bergen hinüber, die sich schützend vor die Landschaft stellten. Es bemerkte die Ruhe ausstrahlenden Täler, die zum Siedeln einluden. Es wusste, das war sein Zuhause.

Jetzt war es bereit, dieses unbekannte Paradies zu erforschen.

Verblüffende Begegnung

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Der achte Tag fängt harmlos an

Es betrachtet die Berge, die sanft geschwungenen Hügel, Flüsse, die sich durch die Landschaft schlängeln, die paradiesisch gelegenen Seen, wundervolle Landschaften, von der Natur prachtvoll angelegt.

Das Geschöpf ist glücklich, hier geboren zu sein.

Es dreht sich um. Da ist er, der Spiegel, der ihm direkt ins Gesicht lacht und es einlädt, sich zu betrachten. Ein Lächeln breitet sich über sein Gesicht.

«Was für ein Kerl!», entfährt es ihm.

Mit Kopf und Herz

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Das Geschöpf erwacht früh und erwartungsvoll.

Es wird reich beschenkt. Auf einmal fühlt es sich sehr selbstbewusst. Vorher war nur dieses Gefühl vorhanden, jetzt scheint alles verständlich zu werden.

Es kann Dinge benennen, es nimmt Gerüche wahr, und seine Ohren vernehmen den Gesang des Windes. Seine Augen sehen zum ersten Mal den Himmel. In dessen blauem Gewölbe tanzen die Vögel und hiessen das Geschöpf willkommen.

An diesem siebten Tag hat es seinen Kopf erhalten, und der sitzt fest auf kräftigen Schultern. Das Geschöpf fühlt sich mit einem Mal unabhängig und selbstständig. Das gefällt ihm.

Das Leben ist ein wahres Wunder. Es bedankt sich mit einem herzlichen „Holadaittijo".

Der Tag danach

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Trotzdem, es möchte mehr. Mit Händen alleine kann es nicht weit kommen.


Wieder kommt ihm liebevoll das Wunder entgegen. Es versieht das Kreuz mit kräftigen Füssen.

Diese bewegen sich, ganz unabhängig wie die Hände. Das junge und unfertige Geschöpf erhebt sich, unsicher und schwankend, bis es in voller Grösse mitten in der Landschaft steht.

Tag und Nacht schauenn sich fragend an. Da kommt ja etwas auf sie zu!

Das erste Wunder

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Die Sonne legt ihre rötliche Pracht über die Landschaft aus.

Über Nacht hat das weisse Symbol entschieden, sein Leben in den Griff zu bekommen. Dieser Wunsch wurde erhört. Wie durch ein Wunder erhält es zwei währschafte Hände.

Es fühlt, wie Leben durch seinen Körper fliesst und erhebt dankend die Arme zum Himmel.

Ein Anfang ist gemacht. Was für ein Tag!

Die Bewegung

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Das Licht ändert seine Farbton, der Wind unterbricht seine Arbeit.

Der Frühling nimmt es zuerst wahr. Ja, da war es. Eines der vier Glieder hat sich zaghaft bewegt.
Was würde wohl als nächstes geschehen?

Das Kreuz fühlt zum ersten mal Leben in sich. Hoffnungsvoll wartet es.

Die Spannung steigt

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Der Frühling ist auf Besuch. Er haucht die Landschaft in ein kühles Blau.

Das weisse Kreuz liegt gelassen da. Es versucht in Ruhe zu ergründen, was vor ihm liegen könnte.

Es liegt etwas in der Luft. Der Tag ist hellwach. Die Nacht beobachtet das Kommende aus der Ferne.

Der Wonnemonat

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Tage und Nächte vergingen. Wochen und Monate folgten und hinterliessen abwechslungsreiche Jahreszeiten:

Mit seinen Besuchen hinterliess der Frühling regelmässig charmant-kühle Bemerkungen.

Der träge Sommer meinte gähnend, «keep cool», was damals niemand verstand.

Der abgeklärte Herbst machte nebulöse Andeutungen und liess jedesmal mehr Rätsel zurück.

Der Winter war überzeugt, das Weiss im Rot hätte alleine mit der kühlen Pracht zu tun, die er mit seinen Besuchen mitbrachte.

Der Tag und die Nacht schmunzelten sich bei ihren Wachtablösungen zu. Es war ihnen nicht entgangen, wie die vier Jahreszeiten dieses Kreuz heimlich bewunderten.

Eines Tages im Mai, in der ersten Woche nach einem langen Winter, löste sich das Kreuz von seinem Hintergrund. Mit einer Leichtigkeit verabschiedete es sich von seiner roten Heimat und gleitete elegant in Richtung Boden, von dem es sanft aufgefangen wurde.


Es war einmal...

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Es war einmal, vor langer Zeit, lange Zeit bevor das Wort existierte, ein wunderschönes, weisses Symbol auf feuerrotem Grund.

Es bestand aus zwei Balken, die kreuzweise übereinander lagen und in vier Himmelsrichtungen zeigten.

Was bedeutete das? Was steckte hinter den Farben Rot und Weiss? Warum die Zahl vier?